Die Bauhütte Roter Turm

Aus dem Vorwort des ersten Heftes der Schriftenreihe der Bauhütte:
"Unter dem Zeichen des Roten Turmes haben sich einige Begeisterte Männer zusammengefunden zu dieser Bauhütte, die an die Überlieferung des Mittelalters anknüpft. In eine solche Bauhütte spielten neben dem Handwerklichen und Künstlerischen auch ethisch-geistige Züge hinein. Aus der Bauhütte unserer Zeit, so sagte ich in meiner Ansprache bei der Morgenfeier der "BRT" am 20. Januar 1946, soll ein Strom von Begeisterung hinausfließen und einmünden in Herz und Seele unserer Mitbürger."
Adolf Heilmann, Stadtbaurat

Baugeschichte des Roten Turms (mit Bildern Posts, Kirchners, Feiningers, C.D. Friedrichs)
Die begeisterten Männer (v.l.n.r.) im Jahr 1946:
Kirsten (Verwaltungsdirektor Stadttheater), Scholz (Buchhändler), Prof. Serauky (Musikwissenschafter), Mügge (Architekt Staatshochbauamt), Radojewski (Grafiker)

Die Diskussion um die Marktplatzostseite
Erich Neuss, die Bauhütte und der Abriss des Alten Rathauses

Erich Neuss, seit 1928 Direktor des Stadtarchivs und der städtischen Bibliotheken, beteiligte sich intensiv an der Diskussion um die Gestaltung der Ostseite des Marktplatzes.

1927 wehrte er sich in einem wohl nicht veröffentlichten Schriftstück gegen den Abriss des Ratsmarstalls (1516). Seinem Vorschlag, den Ratsmarstall in ein Verwaltungsgebäude umzubauen und so den Abriss zu verhindern, kam die Stadtverordnetenversammlung (SVV) nicht nach.
(siehe: StA Halle (Saale), NL Neuß, KA 4, Bd. 19)

In den Akten des Neussschen Nachlasses befindet sich ein Papier, das auf den 31.3.1933 datiert ist. Es ist sehr fraglich, ob Neuss der Verfasser des kleinen Aufsatzes "OB Rive spricht aus dem alten Rathaus über dieses" war. Vielmehr klingt der persönliche Wunsch des OB heraus, am Ende seiner für die Stadt segensreichen Laufbahn auf ein wichtiges Ergebnis seiner Arbeit hinzuweisen:

"Da schon lange die Räume des alten Rathauses auch nicht entfernt ausreichten, die SVV aufzunehmen, ist vor wenigen Jahren an der Stelle des alten Ratsmarstalls ein neues städtisches Verwaltungsgebäude errichtet worden. So unvermittelt die baulichen Zeugen verschiedener Jahrhunderte nebeneinander stehen, so ausgezeichnet passen sie sich einander an und geben dem wundervollen Marktbild Halles eine gute Note."
(StA Halle (Saale), NL Neuß, KA 1, Bd.2)

...und eine begeisterte Frau (v.l.n.r.):
Mügge, Horn (Bildhauer), Braun (Sekretärin BRT), Prof. Heilmann (Stadtbaurat), Neuss (Stadtarchivar), Neubert (Buch- und Kunsthändler)

Nach dem 2. Weltkrieg war Erich Neuss neben Adolf Heilmann und Wolfgang Fraustadt einer der Initiatoren der "Bauhütte Roter Turm".

Die Bauhütte sollte in "unbürokratischer Form in Übereinstimmung mit der Stadtverwaltung alle Maßnahmen treffen, die der Vorbereitung des Wiederaufbaus der hallischen Kulturstätten dienen." (Heilmann, 20.1.46)

In erster Linie sahen die "begeisterten Männer" es als ihre Aufgabe an, den Roten Turm neu erstehen zu lassen. Auf der 22. Sitzung der Bauhütte (4.5.46) referierte Erich Neuss zum Thema `Wiederaufbau Altes Rathaus´. Neuss hatte schon Ende April gezweifelt, dass das Material zur Sicherung des Rathauses (Abdeckung etc.) "zur Verfügung" stehen werde.

Wenige Tage später führte Neuss aus: "Ein Wiederaufbau des hallischen Rathaus in seiner alten Form kommt m.E. nicht in Frage (...) ein einfaches Nachbauen eines Gebäudes, dessen Aufwand in keinem Verhältnis zu der Unwirtschaftlichkeit und Geringfügigkeit seiner räumlichen Leistung stünde, kommt nicht in Frage." Ziel eines wie auch immer gestalteten Rathausneubaus müsse sein, den freien Einblick "´die ganze Leipziger Straße hinauf´" zu vermeiden.

Nach dem Abbruch von Wage und Rathaus schrieb Neuss über das Renaissance-Portal der Wage: "Man wird das Renaissance-Portal beim Abbruch nicht zerschlagen, sondern wie es mit den zahlreichen architektonischen Einzelstücken vom alten Rathaus schon geschehen ist, seine Teile sorgfältig kennzeichnen und aufbewahren. Vielleicht kommt einmal eine Zeit, die unbekümmert genug ist, ein Musterbeispiel alter vaterstädtischer Steinmetzkunst in einem modernen Gebäude wieder aufzustellen, den Vorfahren wie den Nachkommen gleichermaßen zum Ruhme."

Das Renaissance-Portal befindet sich heute im Innenhof der Staatlichen Galerie Moritzburg (siehe Leserbriefe vom 3.11.00). "Die Sandsteinarbeit befindet sich in einem schlechten Zustand und bedarf unbedingt einer restauratorischen Sicherung und möglicherweise auch Restaurierung" (Brief des LfA vom 18.4.01)
Die Fotos stellte freundlicherweise Herr Architekt W. Fraustadt (Halle) zur Verfügung. In seinem Brief an den Autor schrieb Fraustadt: "Dass auf dem Foto mit dem Bild vom Alten Rathaus in Großformat, das wie ein Fensterausblick wirkt, ausgerechnet die beiden Persönlichkeiten Heilmann und Neuss miteinander diskutieren, die sich den Abriss des Alten Rathauses auf die Fahne geschrieben haben, stellt eine Ironie der Stadtgeschichte dar." (28.10.2001)
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