Albert
Deutschbein
Stichwort: Gegenfeier zur Tausendjahrfeier in Halle (Köln, 24.6.1961) Als bekannt geworden war, dass die SED in Halle die kirchliche Bereicherung, genauer: die Schenkung des Giebichensteins durch den Kaiser an den für die Saalestadt zuständigen Erzbischof von Magdeburg, mit der Tausendjahrfeier begehen wollte, da recherchierten wir, die aus politischen Gründen geflüchteten Hallenser, über die älteste urkundliche Erwähnung Halles und fanden an der Universität Marburg, was wir suchten, nämlich: Im Jahre 806 hatte Kaiser Karl der Große seinen Sohn König Karl mit dem Schutz seines Reiches gegen den evtl. Ansturm der Slaven beauftragt. Dieser zählte den Lauf des Flusses zum Reich seines Vaters und ließ daher entlang der Saale Schutz- und Trutzburgen nur rechts des Wasserlaufes anlegen. Noch heute legen die Verteidigungsstationen davon Zeugnis ab – alle damaligen Grenzburgen liegen ausschließlich rechts der Saale; wie vor zwölfhundert Jahren angelegt. Es war uns klar, dass die SED-Politiker eine Geschichtsklitterung vorhatten. Dieser Machenschaft wollten wir unsere Aussage entgegenstellen. So suchten wir einen Ort, der auch an einem Fluß gebunden ist, verkehrsgünstig liegt und für rund 1000 Eintagsgäste geeignet ist. Da wir wussten, dass unsere Verwandten und Freunde in Halle die von der SED gebotene Chance, ihre Heimatverbundenheit frei vom politischen Anliegen und über den permanenten parteilichen Druck hinaus stellen wollten, indem sie mit Begeisterung in die Einzelheiten der mehr als tausendjährigen Geschichte unserer Heimatstadt sich vertieften und für den Festzug Vorbereitungen trafen, da bot es sich an, am selben Tag der Feier in Halle hier eine Gegenfeier zu veranstalten, die zum Inhalt hatte, dass alle Hallenser in und außerhalb Halles gleichzeitig ihrer Heimatstadt gedachten. So kam es, dass sich am 24. Juni 1961 die „Hallunken“ nicht nur in Halle sondern auch in Köln trafen. Heimatgetreu im Stadtwaldrestaurant; es versammelten sich rund 1000 heimatverdrängte Landsleute. Auf der Bühne grüßten die von dem hallischen Maler und Graphiker Georg Heinze geschaffenen Fünf Türme; die Intrade wurde von den Bläsern der Marktkirche gespielt. Unter den Teilnehmern befanden sich auch der Seeteufel Felix Graf Luckner und das langjährige Mitglied der Bühne des Stadttheaters Frau Collini-Senden; sie zu erwähnen, ist besonders wichtig, weil diese Schauspielerin eine großartige Laudatio zu Ehren Luckners hielt und lauthals ihm für seinen persönlichen Einsatz zur Rettung Halles dankte. Das stehend freihändig, ohne Konzept. Unser Bild zeigt Graf und Gräfin Luckner laut lachend nachdem die Turmbläser der Marktkiche ein hallisches Scherzchen zum Besten gegeben hatten. Bei dieser Veranstaltung zerriß der Seeteufel das Kölner Telefonbuch und zerbrach ein Fünfmarkstück zwischen seinen Daumen. Daß seine Frau Ingeborg diese Kraftanstrengungen nicht gerne sah, das hörte man beim Bier. Der damalige Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer hatte ein Grußtelegramm geschickt, Vertreter des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Köln und der Schicksalsgefährten aus Leipzig, Magdeburg, Weißenfels, Köthen u.a. sprachen Grußworte. Das Wetter hatte das Zusammenkommen begünstigt und es wurde mehrheitlich beschlossen, im nächsten Jahr wieder nach Köln zu kommen, wenn wir noch nicht unkontrolliert nach Halle und zurück fahren könnten. Wieder bei Sonnenschein steuerten wir 1962 wiederum Köln an. Dieses Mal die Gaststätte Flora, denn die Zahl der Anmeldungen hatte sich verdoppelt. Der Wirt der Flora hatte 2000 Sitze angeboten, doch die reichten nicht. Kellner brachten leere Bierfässer auf den Rasen, man konnte auf ihnen wenigstens die Gläser abstellen. Und über der Flora wehte die hallische Fahne. Welche Auswirkungen jene erste größere Zusammenkunft von Hallensern,
also jene Gegenfeier in Köln, auf Bundesebene hatte, dass zeigte sich
1963 in Frankfurt am Main. Dort kamen mehr als 3000 Teilnehmer zusammen,
begegneten sich in zwei entgegengesetzt laufenden Kreisen in der Jahrhunderthalle
in Hoechst, hörten einen amtierenden Bundesminister in der Paulskirche
und tranken Kaffee im Zoo. Später wurde Kaiserslautern unsere Patenstadt,
wo sich die unentwegten Hallenser immer noch jährlich treffen. |
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