C.E. Nehse (Hrsg.) :
Brocken-Stammbuch (mit Einträgen aus den Jahren 1753 - 1850),
Sondershausen: Eupel, 1850

12.7.1776
Ich liebe, was fein ist, ob es gleich nicht mein ist; wenn ichs nur haben kann: was geht's denn andre an? Andere Brockengäste schrieben ihre Namen der Nachwelt zum Gedächtnis auf; ein Schornsteinfeger aber druckt hier sein Wappen drauf.
Gottfried Christian Sander, Schornsteinfegergeselle aus Halle

21.5.1780
Freunde, das war ein Jubelleben auf dem Brocken!
Alles, alles laßt uns geben, nur nicht deutschen Biedersinn.
Johann Christoph Thiel, Student in Halle

17.5.1785
Nach vielem erlittenen Ungemach auf der Reise von Halle erstiegen wir endlich, nachdem wir mit der peinlichsten Langeweile zwei Tage in Ilsenburg auf gutes Wetter gewartet hatten, bei heiterem Himmel den Brocken. Hier wurde uns nun unsere Mühe belohnt. Wir genossen einer herrlichen Aussicht und überschauten weit umher die herrlichen Werke des Schöpfers der Natur. Wer würde hier nicht mit Asmus voll Entzücken ausrufen: O wunderschön ist Gottes Erde, Ists werth darauf vergnügt zu seyn! Drum will ich, bis ich Asche werde, Mich dieser schönen Erde freun.
P. Teschendorff, Student in Halle

Auch ich armer Teufel mußte zwei Tage in Ilsenburg warten; aber mein beständiges Symbolum: Non, si male nunc, et olim sic erit, ließ mich auch jetzt nicht zu schanden werden. Denn den 17. Mai ward es helle, wiewol noch viele Wolken am Himmel waren. Den Berg hinauf mußten wir noch durch vielen Schnee uns durchschlagen; aber dennoch wurden die Kräfte des frischen Jünglings nicht ermattet. Von Herzen jammert mich der, welcher sich herauf fahren läßt, wenn er noch gesunde Beine hat; und derjenige muß nicht mehr gesunde Kräfte haben, der auf diesem Wege ermüdet. Wenn ich und Teschendorff keinen anderen Vorzug haben: so haben wir doch den, daß wir von Ilsenburg aus die ersten sind, die 1785 den Brocken bestiegen haben.
Johann Franz Weissenborn, Student in Halle

15.10.1787
Mit Muth und Kraft ersteigt man alle Höhen,
Und fühlt dann zwiefach seinen Werth:
Wer aber Muth und Kraft nicht nährt,
Wird immer nur drei Schritte vor sich sehen.
Kriegsrath von Göcking

19.10.1787
Nicht du, o Göcking, hast allein die Höhen
des vaterländischen Olymps so spät erklimmt;
Auch wir, in denen deutsches Feuer glimmt,
Bald werden wir uns gleich dir sehen.
Ferdinand Schulze, Dr. Med. legens in Halle und
Sebastian Andreas Fabricius, Inspektor der Bibelanstalt von Halle


1.6.1789
Heil mir, daß ich dich sah, Wolkenverschleierter,
Längst gepriesener Fels, welcher die Vorzeit schon
Zu Gesängen verlockt
Die der spätere Sohn noch ehrt!
Dich bewunderte schon Roms gepanzertes Volk!
Deine Kinder und du nährten ein Riesengeschlecht,
Dem der mächtige Römer
Stolz - schon drückende Fesseln schuf.
Aber Herrmann, dein Sohn, hemmte mit Löwenmuth
Ihres Adlers Flug. O da hallte sein Ruhm
Durch die flisternden Wipfel,
Wo die liebliche Eiche lauscht,
Barden feierten ihn, priesen sein freies Volk,
Das im festlichen Tanz an die geheiligte
Eiche flog, und der Gottheit
Große, herrliche Milde sang.
Damals warst Du, Alter - war dein erhabener Hain
Gottes Tempel, in dem nimmer ein christlich Lied,
Doch manch Liedchen der Freude
Und erhabener Tugend klang.
Ach du bist es noch jetzt! Innig gerührt wallt
Noch der spätere Sohn zu der umwölkten Höh,
Sieht voll dankender Ehrfurcht
Auf die blühende Flur hinab,
Wo durch Felsengebirg, welches ein Wald bekränzt,
Sich mit lautem Geräusch eilig ein Waldstrom stürzt
Und in blühenden Thälern
Sanft das bläuliche Blümchen netzt.
Wo in bläulicher Ferne unter dem Wolkenmeer
Bald ein Thurm sich erhebet oder ein Felsenberg,
Dessen blumiger Abhang,
Unsern staunenden Blick vergnügt.
O dann rinnt vom Aug´ still ihm ein Zährenstrom,
Der der Gottheit zum Dank nieder zur Erde sinkt,
Und das einsame Moos tränkt,
Das dein wolliges Haupt deckt;
Auch mir bebten gerührt, - als ich die Wunder sah -
Zähren des Dankes herab - Güte des Schöpfers war´s,
Welche dich zur Bewunderung,
Mich zur seligsten Freunde schuf.
J.W.F. Oldekop d. G.G. Student in Halle

17.9.1825
Frisch! Hinaus, in Vaters Haus!
Und mit entzücktem Blick
Ueber der Berge Höh´n
Seh´ ich ins Thal zurück,
Drin mildere Lüfte wehn.
Seh´ vieler Städte Glanz,
Goldig im Abendschein,
Ringsum in schönem Kranz,
Wechselnd in bunten Reih´n.
Seh´ vieler Wälder Pracht
Schweigend in Dämmernacht,
Riesig und groß.
Schaue nach der Ferne hin,
Wo ich mit Kindersinn
Einstens gelebt.
Schau´ nach dem Heimathland,
Das ich zuerst begrüßt,
Welches mit Liebesband
früh mich umwand.
Da wird mir wonnig im Herz,
Weg ist der Erde Schmerz,
Frei ist die Brust.
Freudig in Thatenkraft
Ahn´ ich, was wirkt und schafft,
Voll hoher Lust;
Rufe dann fröhlich aus
Ruf´ es ins Vaterhaus:
Wie dort die Sonne sinkt
In sanfter Winde Wehn,
Wie sie erhebend blinkt,
So möchte ich untergehn´.
(N.N.)

2.11.1825
Studenten sind fidele Brüder,
Kein Unfall wirft sie ganz darnieder.

So bin ich denn zum dritten Male ober auf dem alten Brocken, aber nie in meinem Leben habe ich eine so angreifende Tour zurückgelegt. Gesund ritt ich von Halle weg und faßte den unklugen Gedanken, noch eine Harzreise zu machen, auch da ich früher mehrere Partien des Harzes gesehen: so wollte ich auch den Brocken nicht vergessen. Bei dem furchtbarsten Wetter ritt ich mit meinem Führer Hartmann von Elbingerode hinauf. Der Regen unten verwandelte sich bald in ein starkes Schneegestöber und so gings durch Sturm und Schnee immer bergan. Mein Führer verzweifelte hinauf zu kommen. Ich mußte ihm stets Muth einsprechen, wobei die Flasche gute Dienste that. Fast wäre ich vor Kälte erstarrt, und mußte oft vom Pferde steigen, denn alle Glieder waren steif. Endlich erreichten wir durch 2-3 Fuß tiefen Schnee nach großer Beschwerniß und langer Mühseligkeit die Höhe des Brocken. - Da wurde ich denn durch die freundliche Behandlung der Familie Gerlach für alle überstandene Gefahren belohnt. Trockene Kleidung, ein gutes Glas Grog und eine gute Mahlzeit stärkten den Körper bald wieder, und so habe ich mich die Nacht ganz wohl befunden.
Es lebe der Brocken und seine Bewohner
Herrmann Schütt, stud. theol. aus Hamburg

9.9.1827
Vom alten deutschen Meer umflossen,
Bis an den alten deutschen Rhein,
Ihr, meine Freud- und Leidgenossen,
Mit mir aus einem Stamm entsprossen,
Mit Euch soll deutscher Friede seyn!
A. Görsen, Stud. Theol. Hallensis

1.6.1830
Wie mancher Junggesell´ und Mann
Bestieg des Brockens Höhe,
Und wohl so mancher Wunsch begann:
"Wenn ich nur etwas sehe!"
Doch viele hatten nicht das Glück
Und kehrten wie wir unbefriedigt zurück.
T.E. Röser, Schullehrer in Halle

17.6.1832
In der Nacht vom 16. Zum 17. Juni 1832 expectorirte sich der Urgnom des Brockens über das, was er gethan und gelassen, geschrieben und nicht geschrieben wissen will, folgendermaßen:
Schneidergesellen, Quacksalber, Salbader,
Alles erprobt die poetische Ader
Hier auf meinem ergrauendem Haupt.
Graubart nennt man mich, auch wohl Philister,
Lang gehaarten, graulockigen Küster.
Einbrocken will ich´s euch, daß ihr daran glaubt.
Kann keinen Poeten verknausen,
Jedem vertreib ich mit Sturmsausen,
Jage ihn über Klotz und Fels,
Ausgewaschen an Schlafrock und Pelz.
Bin gar nicht von so sanftem Gemüthe,
Breche den Hals der lumpigen Suite,
Die mit ihren so ärmlichen Glossen,
Die mit den abgedroschensten Possen,
Wie der Kuckuk und nächtliche Eulen
In meinem Alter mich noch langweilen. -
Kommen nun gar noch die Recensenten,
Die da verschlingen wie die Ente
Ihrer Autoren sauern Schweiß,
Neugebacken noch und brühheiß.
Friedrich Ahlfeld, Stud. Theol. aus Halle

28.7.1833
Verlaufen hätt´ ich mich beinah´,
Eh´ ich dich, alter Brocken, sah.
Doch mach´ es nun auch mit mir gut,
Sei höflich, zieh den Nebelhut.

Hier, wo vor grauer Zeit durch Feuer und durch Schwert
Verjagt aus ihren niedern Gauen,
Die Schaar der alten deutschen Frauen
Die Göttin Hertha fromm verehrt,
Verehren wir in kindlichem Vertrauen
Ihn, den als Vater anzuschauen
Sein eingeborener Sohn uns lehrt.
F. Chr. Fulda, Prediger in Halle

28.5.1835
Sey mir gegrüßt, du Berg! mit dem weithin schauenden Gipfel,
Wiederum sey mir gegrüßt, zum dritten Mal bin ich bei dir,
Was ich so lange ersehnte - Erfüllung nun ward mir gewähret;
In deiner Nähe zu seyn, und dich recht oft zu sehen;
Sey, o sey nun auch gütig, du Liebling der lieblichen Flora,
Gieb dem Fremdlinge ab, was du so reichlich besitzest,
Spende mir liebliche Pflanzen, die seltensten, die du geboren,
Phanerogamen zuerst, vergiß dann nicht Cryptogamie;
Von den Phanerogamen - o! zeige mir, wo du sie hast;
Von der Cryptogamie, da hätt´ ich um Vieles zu bitten,
Doch die am liebsten mir sind, ist Jungermanns liebliche Schaar.
Hülle nicht finster dein Haupt, - Beherrscher des grünenden Harzes!
Winke Gewährung mir zu, - und ich opfre dann auch,
Ja! so wahr ich dich bitte, von jeglicher Flasche den Propf dir,
Die der durstige Wind auf deiner Spitze geleert.
Wilhelm Gueinzius, Pharmaceut aus Halle

14.9.1835
Führer und Träger verschmähend,
Die lang geohrten Esel nicht suchend,
Zogen vom friedlichen Thal´
Auf mühsamem Fußpfad
Fröhlichen Muthes wir fort
Und gelangten vom Dunkel gefährdet
Glücklich hinauf in das Haus
Des bemoosten Brockens.
I.H. Vajen, Stud. Theol. Halensis

Aus dem Quell der Götterfreuden
Ward kein Tropfen uns vergönnt,
Jede Hoffnung uns zum Leiden
War im Nebelmeer ertränkt.
K.W. Gerstenberg, Stud. Hal. aus Magdeburg

25.9.1836
Wüthend umsaus´te der Sturm
den kahlen Gipfel des Brockens,
Aber im wärmenden Saal
Lachte ich seiner Gewalt.
E. Cäsar, Stud. Theol. Halensis

15.9.1837
Und als ich auf dem Brocken war,
Da sträubten uns zu Berg´ die Haar,
Da hörten wir ohi, oho!!
Der Windsbraut Katzenjubilo.
Der nasse Bruder Fäustedick
Schlug unsern Augen in´s Genick.
Das kam uns gar zu spaßhaft vor
Wir schabten häufig uns am Ohr.
Die Stiefeln waren ganz durchnäßt,
So grausam ist´s noch nie gewes´t;
Durch Löcher schrillt die Hexenbrut,
Das Nachtlager war hart und gut.
Viel Koch´ verdirbt den Brei
Dieser Verse Lirumlei;
Doch weil Jeder hier gefühlt,
Ein Paar Wort´ zusamm´ gestiehlt;
Mögt den Unsinn nicht verschmähn,
Könnt´ ja selbst nicht besser kräh´n!
G. Reischel, Stud. Theol. Halensis

8.9.1838
Mit frohem Mut und heiterm Sinn
Zog ich nach dem Brocken hin;
Doch daselbst kaum angekommen,
Ward mir gleich der Muth genommen,
Denn Wolken zogen rings umher,
Es war ein wahres Nebelmeer.
Jedoch, weil Hoffnung mir gemacht,
Blieb ich noch hier die ganze Nacht
Und wartete mit Freuden,
Daß die Sonne sollte scheinen.
Doch die Sonne schien mir nicht
Und zu End´ ist mein Gedicht.
K. Schmidt, Stud. Jur. aus Halle

23.8.1842
Hier auf des Brockens Felsgetrümmer,
Ringsum Bergmassen stolz und heer,
Und herum die üppigen Auen,
Wie ein weites Silbermeer; -
Sonnenaufgangs Purpurgluth?
O, wen drängt´s zur Andacht nicht?
Auch ich würde niederknien -
Hätt´ ich nicht im Fuß die Gicht.
Niemann, Stud. Jur. aus Halle

15.9.1842
Durch Wolk und Wind
Hinab die Bahn.
Ist´s dann gethan
Zur Ruh geschwind.
Leb wohl, du Brocken, du Nebelgeselle,
sahn wir auch nichts - wir waren zur Stelle!
Warst du auch närrisch, doch wir sind vergnügt,
Und klagen nicht weiter, daß es so sich gefügt.
E. Eisenbohr, Stud. Theol. aus Halle

9.6.1843
Sehnend von jung auf, dich, herrlicher Brocken, zu schauen,
Stieg ich als Jüngling doch erst eine Gipfel hinan.
Warum verbirgst du mir nun die reizende Ferne,
Der du doch sonst zeigst die Reize der Welt?
Traun, du ahndest zu wohl, daß von dem Pfade der Tugend
Nimmer zu locken vermagst ein treues christliches Herz!
Darum kehr´ ich mit Lust dir den sicheren Rücken,
Wand´re vom wüsten Gestein zur zehnfach glänzenden Au.
Moritz Petersen aus Halle an der Saale

27.9.46
Ach, wie herrlich ist das Reisen,
Mancherlei man profitiert,
Glücklich kann sich jeder preisen,
Dem solch´ Loos zu Theile wird.
Maurice Peterson aus Halle

10.9.1847
Hinaus! Hinaus! Treibt stürmisches Verlangen
Den Jüngling nach dem Tempel der Natur!
Fort eilt er, wohl von kühner Lust umfangen,
Auf freier Berge stolzer, freier Spur!
Doch hat ihn kühner Muth hinauf getragen,
Da hüllt in Nebel sich das Land,
Und ewig muß auf´s neu´ er klagen,
Wie alles Glück von ihm verbannt.
G.F. Herzberg, Stud. phil. aus Halle

18.9.1847
Hier näher schon dem Himmel
Schweigt nicht mein tiefes Weh,
Es dringt das Weltgetümmel
Hinauf auch in die Höh!
Hier von den hohen Bergen
O, Vaterland, wie schön!
Hier können finstre Schergen
Nicht auf die Lippen sehn.
Du Vaterland da drüben,
Du fernes Heimathland!
Lägst du hier herüben,
Hier fand uns Freiheitsband.
Lacht hier die Freiheit Sonne?
Schlägt frei nicht jedes Herz?
Ach nur zu kurz die Wonne!
Ach nur zu lang der Schmerz!
Verstummt ihr kühnen Lieder,
und heuchelt sorgenfrei!
Bald geht es wieder nieder
In´s Land der Tyrannei!
F.W. Helm, Realschüler aus Halle

10.6.1849
Hört! - die Cholera ist im Lande,
Wie die Welt noch keine sah,
Und es stirbt die ganze Bande,
Nur der Studio bleibt da.
F. Sucro, Stud. jur. aus Halle

17.8.1849
S´ gingen mal zum Brocken
Und blieben allda hocken
Wohl volle sieben Stunden,
Des Wirthes gute Kunden,
Vier kuriose Herr´n
Aus nah´ und weiter Fern´.
Zuerst ein düstrer Keller,
Ward doch das Wetter heller.

Ein Deutscher war der eine,
Der zweite drüben vom Rheine,
Von England just ein Dritter,
Der viert´ ein röm´scher Ritter.
Sie stritten sich auf dem Wege von Ilsenburg, wie man am leichtesten nach dem Brocken käme. Der Engländer nahm Fourage mit, obgleich er nur die Möglichkeit voraus sah, daß auf dem Wege nichts zu haben sei; der Italiener nahm sie, ohne es zu wissen, mit; der Franzose ließ seinen Paletot in Ilsenburg, weil dort zufällig gut Wetter war; der Deutsche wußte, daß unterwegs nichts zu haben war und nahm nichts mit.
Doch so mußte es kommen
Zu den Wirthes frommen
Denn:
Der Brite weiß stets, was er thut,
Der Römer weiß nicht, was er thut,
Der Franzmann thut stets, was er weiß,
Der Deutsche thut nicht, was er weiß,
Und dieser letzte war ich lobesam:
Der Diakonus Hasemann - aus Halle a.d. Saale