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1. Der Tag der Vollendung: 24.7.1506
Die Einweihungs- und Vollendungsurkunde vom 24.7.1506 führt in hierarchischer
Ordnung die für die christliche Welt und die Stadt Halle bedeutenden
Männer auf:
Papst Julius II.
König Maximilian III.
Erzbischof Ernst von Sachsen
Dr. Johannes Pals, Probst des Neuwerkklosters
Hieronymus Müller, Pfarrer der Marktkirche U.L. Frauen
Kirchväter der Marktkirche:
Wenzel Kurbauch (Ratsmeister), Peter Seidenschwanz (Ratsmundschenk)
Achtmänner:
Ulrich Vogt (Salzgraf), Kunze Reiche, Peter Meinau (Ratsmeister), Peter von
Mücheln, Heinrich Ochse (Oberbornmeister), Mathias Sturze (Worthalter),
Heinrich Wole (Ratsmundschenk)
Hans Zöberitz, Hans Brauer (Rats-Bau-Herren)
Die am Bau beteiligten Herren haben, so die Urkunde, "in
aller Form, Regel, Herkommen" folgendes Gelübde abgelegt:
Das lobwürdige, "einst begonnene Werk, der Neue Turm genannt, fortzusetzen",
das "das Ergebnis eines kraftvollen und rühmlichen Fleißes
ist, dank der Meisterhand des ehrlichen und getreuen Baumeisters, Herrn Hans
Wulkenstein, Bürgers zu Halle, welcher wie auch andere sich gleichsam
verschworen haben zu diesem gefährlichen Werk des Ruhmes", welches
geschaffen ist zum "Lobe des allmächtigen Gottes, der ganz unbefleckten
Jungfrau Maria und aller Himmelsbewohner, sowie zur Zierde der hochberühmten
Stadt Halle und ihrer ganzen ´Gemeinheit´ und sogar der Region."
Den größten Teil der Urkunde nimmt die Beschreibung der Gründe
für die Einfügung von Reliquien in die Turmspitze und der Reliquien
selbst in Anspruch. Die Reliquien wurden eingelegt,
> zur besseren Behütung und zur Festigung des Gebäudes
> zur Bewahrung der Gläubigen und zum Schutz der Gesunden
> zu des ganzen Vaterlandes Verteidigung, zumal in Zeiten der gewaltigen
Wolkenbrüche, Regengüsse, Stürme, der Gewitter und des wilden
Aufruhrs in den Lüften, die das ganze Himmelsgewölbe in Angst versetzen,
wenn die Gestirne drohen, die zusammengepressten Luftmassen hereindringen
und das wilde, strahlende Licht, und damit schließlich die von bösen
Wolkengeistern durchtobten Lüfte hie und da wenigstens gebändigt
werden, und wenn keine Kraft der Diener Christi mehr ausreicht, sich den furchtbaren
Stürmen entgegenzuwerfen.
Die Reliquien sind bis zum heutigen Tag erhalten. |
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2. Baugeschichte
2.1 Bauabschnitt I (1418-1446)
1418 wurde mit dem Bau begonnen. Ein Inschriftstein in vier Metern Höhe
an der Süd-West-Ecke des Turmes gibt darüber Auskunft. Bauherr war
die Mariengemeinde.
Integration eines romanischer Vorgängerbaus
oder einheitlicher spätgotischer Neubau?
Erich Neuss hatte 1946 angenommen, daß die ersten vier
Meter des rechteckigen Schafts einem romanischen Vorgängerbau aus dem
Jahr 1150 angehören. Neben der schriftlichen Quelle des Talrechts aus
dem Jahr 1386 zog er dafür die romanischen Rundstäbe heran, die
in sieben Meter Höhe abbrechen. Auch der Unterschied zwischen den im
unteren Bereich des Schafts ungleichmäßig behauenen Steinen und
den "wohlgefügten, glatt behauenen Quadern" im oberen Bereich
war nach Meinung Neuss´ ein Hinweis auf den romanischen Vorgänger.
Hans-Joachim Krause und Gotthard Voß stellten 1986 nach Prüfung
des baulichen Befundes, insbesondere der "noch vorhandenen Steinmetzzeichen"
, fest, dass es sich bei dem Roten Turm um einen "einheitlichen spätgotischen
Neubau" handelt. Allerdings löste sich damit nicht die Frage nach
der Herkunft der Rundstäbe. Auch Neuss´ Vermutung, daß
die Unebenheit der Steine Folge des Stadtbrandes von 1312 gewesen sei, setzten
Krause und Voß nichts entgegen.
Der Turmschaft misst 10 x 15 Meter. Die Stärke der Mauern beträgt
vier Meter, in deren Mitte sich vier enge, gewölbte Räume befinden.
In ungefähr acht Metern Höhe sind an allen Ecken des Turmes "die
Spuren von vier sehr zerstörten hohen Baldachinen" zu erkennen.
Unterhalb der Baldachine sprangen profilierte Konsolen hervor, die als Aufstellungsort
für Skulpturen dienten. Die Räume im Obergeschoß waren früher
nur durch eine hochgelegene Kragsturztür auf der Südseite zu erreichen.
Bis 1446 ist der Bau um 10,5 Meter gewachsen. Eine zweite Inschrifttafel
in 11 Metern Höhe - direkt über der Tafel aus dem Jahr 1418 -
verweist auf den 2. Bauabschnitt.
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2.2 Bauabschnitt II (1446-1455)
Mit dem zweiten Bauabschnitt trafen neue Steinmetze am Roten Turm ein. Waren
vor der Jahrhundertmitte nur acht Steinmetze vor Ort, können nach 1450
insgesamt 26 verschiedene Steinmetzzeichen ausgemacht werden. Darunter wurden
Steinmetzzeichen ausgemacht, die an der Moritzkirche ebenfalls zu finden sind.
Neuss nahm an, dass 1446 der hallesche Patrizier Johannes Rode zum "bauausführenden
Architekten" bestimmt wurde. Dieser habe 24 Jahre hindurch den Bau des
Turmes geleitet. Krause/Voß jedoch bestritten diese These. Rod könne
vielmehr als "Mitglied der alten halleschen Patrizierfamilie" gelten,
das sich als Stifter verdient gemacht habe.
2.3 Bauabschnitt III (1455-1470)
Auf den viereckigen Turm folgt in 20 Metern Höhe der achteckige Oberbau.
In den nach Westen und Osten weisenden Seiten wurden zwei Fenstergewände,
in den nach Norden und Süden weisenden Seiten je ein Fenstergewand ausgespart.
Den übrigen vier Seiten wurden Fialen - schmale Türmchen - bis auf
2/3 der Höhe vorgesetzt.
Ratsmundschenk Seidenschwanz berichtet in seiner Chronik über die Aufhängung
von Glocken im ersten Geschoß des achteckigen Trumkörpers:
"In dem 1460 Jahre, in Sanct Lampertus tage, do wartt die große
glocke zu unßer lieben frauen vonn dem mittell thorme gelassen uff den
kirchhoff, uff den Sunnabent dornach, do wartt die stormglocke gelassen von
dem thorm, do der haußmann uff ist, dornach uff Galli, do wurden sie
beyde auff den nawen thorm gezogen, und gehangen, nach Sankt gallen wurden
beyde gelauttet."
2.4 Bauabschnitt IV (1470-1474)
Obwohl nach 1460 der Turm für ein Jahrzehnt nicht weiter wuchs, wurden
in der Bauhütte die in großer Menge benötigten Werksteine
versatzfertig bearbeitet. 1470 wurde unter dem südlichen Fenster des
letzten Geschosses ein dritter Inschriftstein eingelassen. Er verweist auf
den bereits genannten Johannes Rod.
Die am viereckigen Unterteil des Turms ansetzenden Rundstäbe durchbrechen
in 30 Metern Höhe das Gurtgesims. Nach ungefähr drei weiteren Metern
gehen die Rundstäbe in eine Konsole über, die Fialen halten. Diese
Fialen enden kurz unterhalb des Maßwerkfrieses, der den Übergang
zum Helm andeutet. Der Maßwerkfries wird 1474 fertiggestellt.
Das Gurtgesims trennt äußerlich den unteren Teil des achteckigen
Turmkörpers vom oberen Teil. Im unteren Teil befand sich die Läutestube,
im oberen Teil die Glockenstube.
Die Glockenstube besitzt nach Westen und Osten je ein großes Fenster,
nach Süden und Norden je ein kleines Fenster. Es ist anzunehmen, daß
der Bau bis zur Vollendung um 1506 mit einem provisorischen Dach abgedeckt
war.
Wichtigste Aufgabe des Roten Turms war es, Glocken zu tragen und nach Morgen
und Abend zu läuten. 1468 erhielt der Turm eine Zeiger- und Uhrglocke
mit der Inschrift:
Dum tangor audite
Distinguo tempora rite
Ad laudem Dei
Cursum noctis atque diei.
Höre mich schlagen
die Stunden recht sagen
Gott zum Preise
Der Tage und Nächte urewige Ruhe.
Die große Läuteglocke, 1480 zum vierten Mal gegossen, bekam ihren
Platz im obersten Geschoß. Dort ging sie 1945 mit dem Helm zugrunde.
(Der letzte Teil der Baugeschichte des Roten Turmes folgt in Bälde. Daran
wird sich unter Kapitel 3 die Rezeptionsgeschichte des Turmes anschliessen.) |